Kevin Powers: Die Sonne war der ganze Himmel

Kevin Powers: Die Sonne war der ganze Himmel


Anleitung zum Pazifismus


Kevin Powers: Die Sonne war der ganze Himmel


Private John Bartle ist 21 Jahre alt als er 2004 mit seiner Einheit in die Wüste geschickt wird. In seinem Einsatzgebiet -Al Fafar, Provinz Ninive, Irak- kämpft er nicht nur um seines eigenes Überleben. Er trägt auch die Verantwortung für seinen Freund Daniel Murphy (18), dessen Mutter er am Vorabend der Verlegung in das Kampfgebiet leichtfertig versprochen hat, Murph heil nach Hause zu bringen.

 

Ein Ding der Unmöglichkeit – der Leser ahnt es nach dem ersten Satz:

Der Krieg wollte uns im Frühling töten.“

Der Leser weiß es zu Beginn des zweiten Absatzes:

Der Krieg wollte uns im Sommer töten.“


Bartle & Murph schaffen es bis zum Herbst.


Ich dachte daran, dass wir morgen, wenn die Sonne im Osten tief über der Ebene hing, losmarschieren würden. Wir würden in eine Stadt eindringen, um die jährliche Schlacht zu schlagen, eine langsame, blutige Parade, wie zum Zeichen, dass der Sommer in den Herbst überging.“


„Die Sonne war der ganze Himmel“ ist eines dieser Bücher mit Seltenheitswert. Neben der „wahren Geschichte“, deren Authentizität in keiner Silbe zweifelhaft ist, zeigt und bewahrt der Erzähler eine feinsinnige Humanität im Zentrum eines Krieges, der töten will, zu jeder Tages +Jahreszeit, vollkommen gleichgültig gegenüber seinen Teilnehmern.


Das Wort Teilnehmer mag in diesem Zusammenhang seltsam wirken. Es trifft jedoch den Kern der modernen Kriegsführung. Im Gegensatz zu seinem Großvater, der im zweiten Weltkrieg gegen Hitler Deutschland kämpfte, ist John Bartle als Freiwilliger in die US Army eingetreten, ohne einen Gedanken an einen realen Kampfeinsatz zu verschwenden. Der Kampf seines Großvaters gegen das fassbar Böse machte Sinn. Der Kampf gegen die „Haddschis“ bleibt John Bartle letztendlich nebulös.


Dem Leser auch und zwar mit Absicht. „Der Feind“ bleibt im Verborgenen, er agiert aus dem Hinterhalt mit Hilfe von versteckt präparierten Sprengsätzen. Die bedauernswerte Bevölkerung ist das, was sie immer war. Die höhere Weihe – eine Plattitüde vor dem Herrn – erhält der Einsatz John Bartles durch sein Versprechen. Ein Ding der Unmöglichkeit.


Die Rezensentin hält jetzt die Klappe. In Demut. Lesen Sie selbst.

 

Kevin Powers: Die Sonne war der ganze Himmel

Fischer, 2013

ISBN: 978-3-10-059029-9

19,99 €






 

 

 

 

Denis Avey: Der Mann, der ins KZ einbrach

Denis Avey: Der Mann, der ins KZ einbrach

Denis Avey: Der Mann der ins KZ einbrach

Der Vergleich eines literarisches Kunstwerks mit einem auf Erinnerungen beruhenden „Tatsachenroman“ hinkt von vornherein. Trotzdem bietet er sich hier an.

Kevin Powers Alter Ego John Bartle und Denis Avey sind Anfang 20 als sie in den Krieg ziehen und Beide haben nicht den blassesten Schimmer, was sie erwartet. Gemeinsam haben sie zunächst auch die Auffassung, dass es sie nicht willkürlich erwischen kann. Während Bartle aber bald klar ist, dass es die für jeden Einzelnen bestimmte Kugel nicht gibt, verliert Avey nie den Glauben an die lebensrettende Wachsamkeit, die totale Konzentration auf das eigene Überleben. Hier gleicht er Sergeant Sterling aus Powers Roman, der lange vor John Bartle sieht und weiß, dass Murph ein toter Mann ist, da dem Achtzehnjährigen diese Konzentration abhanden gekommen ist – in der Hölle.

Hier enden die Vergleichsmöglichkeiten, einmal abgesehen von der traumatischen Kriegserfahrung, die eine Rückkehr in den zivilen Alltag, in die „Normalität“ zunächst unmöglich macht.

Denis Avey ist Engländer, Vertreter einer anderen Generation und, er handelt in der Gewissheit auf der richtigen Seite zu stehen. Nach Kampfeinsätzen in Ägypten gerät er in Kriegsgefangenschaft und über Umwege nach Ausschwitz, wo er Seite an Seite mit KZ Häftlingen Zwangsarbeit verrichten muss. Das Schicksal der „Gestreiften“ ergreift ihn und seine Neugier. Was ist da los? Wo kommen sie her? Wo gehen sie hin? Er lernt einen Häftling kennen, tauscht zunächst für eine Nacht die Identität und weiß danach, dass er wieder auf der richtigen Seite ist.

Und von dieser Seite aus, sinnt er auf Abhilfe.

Hier stutzt der Leser. „Warum,“ fragt er sich: „Warum geht der jüdische KZ Häftling ohne Widerstand, ja ohne auch nur einen schwachen Versuch des Widerstandes, zurück in die Hölle aller Höllen?“ Wegen Zigaretten. Denis Avey zu Folge, stiegen die Überlebenschancen in den Konzentrationslagern proportional mit den verfügbaren Tauschgegenständen und Tabak war eine starke Währung. Als Kriegsgefangener hatte Avey die Möglichkeit Zigaretten zu beschaffen und, er hatte die Möglichkeit den, zur Vernichtung Bestimmten dieses Tauschmittel zuzustecken.

Sargnägel als Lebensretter. Paradox? Profan? Unglaubwürdig?

Die Rezensentin weiß es nicht. „Der Mann, der ins KZ einbrach“ ist ein umstrittenes Buch. Sicher ist, dass es kein literarisches Kunstwerk ist. Es erhebt aber auch nicht diesem Anspruch. Lesen Sie selbst.

Denis Avey: Der Mann, der ins KZ einbrach

Lübbe, TB, 2013

ISBN: 978-3-404-60701-3

9,99 €