Alisha Bionda (Hrsg.): Odem des Todes

Alisha Bionda (Hrsg.): Odem des Todes

Eine Hommage an Edgar Allan Poe

Der kleine, feine und sehr experimentierfreudige Verlag Voodoo Press wurde 2009 gegründet und hat es sich auf die Fahnen geschrieben, die eingetretenen Pfade der gängigen Fantasy zu verbreitern und ab und an sogar zu verlassen. Neben Anthologien über Sherlock Holmes bringt Voodoo Press klassischen Horror mit Zombies und Serienkillern heraus, aber auch Thriller, Science Fiction und sogenannte Bizarro Fiction.

Odem des Todes heißt das Buch, das es mir ganz besonders angetan hat. Alisha Bionda, die sich bereits mit mehreren Anthologien im Bereich Fantasy / Science Fiction als Herausgeberin einen Namen gemacht hat, ebenso als Autorin im Bereich der düsteren Prosa, präsentiert im vorliegenden Buch Geschichten über Edgar Allan Poe. Das Besondere des Buches ist, dass alle Schriftsteller sich an verbürgten Fakten im Leben des Unglücksraben orientierten, diese Fakten jedoch in ein eigenes Gewand kleideten und interpretierten.

Den Auftakt macht Arthur Gordon Wolf mit Die Geister der Vergangenheit. Ein bislang unentdeckter Brief Poes an einen unbekannten Adressaten erlaubt Wolf, dem Urerlebnis des Grauens Gestalt zu geben. Poe erzählt, wie er von einer schwarzen, einäugigen Katze vom Schulweg fort in ein verfallenes Gebäude gelockt und dort unter einem Kohlenberg begraben wird. Enge und Dunkelheit, die schwarze Katze, eine gesichtslose Bedrohung und das verfallene Gemäuer werden sich später in Poes Geschichten wiederfinden. Wolf erzählt in Die Geister der Vergangenheit eine Geschichte, die nicht nur geschickt von Poes Kindheit und seinem Verhältnis um Stiefvater berichtet, sondern auch ganz im Sinne des Meisters eine äußerst bedrohliche Atmosphäre erschafft. Ein wunderbarer Beginn für die Sammlung!

Süße Liebe Wahnsinn von Florian Hilleberg ist etwas moderner im Tonfall und berichtet durch die Augen des vierzehnjährigen Poe von seiner tragischen Liebe zur Mutter seines Klassenkameraden Robert Stanard. Jane Stanard wird zu seiner Helena, der betörendsten Frau in Poes Welt. Doch der Wahnsinn hat Jane bereits in seinen Fängen. Die Geschichte von Florian Hilleberg gefällt mir vor allem wegen der Unausweichlichkeit des tragischen Endes, das von Beginn an in jeder Zeile spürbar ist. Dies hier ist eine Hommage an Poe vor allem durch die allzeit präsente Melancholie.

Edgar Allan Poe erschuf den ersten Detektiv der Weltliteratur, und die Erzählung „Das Geheimnis der Marie Roget“ beruht auf einem wahren Fall. Nicolaus Equiamicus nimmt die Rosenbrosche zum Anlass für die Jagd Poes auf den Mörder der Mary Rogers, die Poes Geliebte war und ihm auch aus dem Jenseits noch verbunden bleibt. Dies ist eine Kriminalgeschichte mit einem leichten Mystery-Einschlag, die sich vor allem an der oben erwähnten Geschichte orientiert und an dem tatsächlichen Kriminalfall.

Ähnlich wie der Autor der Rosenbrosche nimmt sich Christian Endres in Das Urteil als Autor die Freiheit, Poe auf Wegen wandeln zu lassen, die nur noch am Rande mit der realen Person des Autors zu tun haben. Poe muss sich in dieser Geschichte vor Odin für seine Taten (in diesem Falle für sein Schreiben) verantworten. Hier hätte ich mir mehr Raum gewünscht, um die Kombination Odin-Poe über mehr als nur die Figur des Raben plausibel zu machen. Auch ist die Atmosphäre, der Anwesenheit des nordischen Gottes geschuldet, eher kraftvoll-grimmig als bedrohlich und typisch Endres in seiner Fähigkeit, bekanntes Personal mit Unerwartetem zu konfrontieren – aber nicht typisch Poe.

Metzenger heißt die folgende Geschichte aus der Feder von Sören Prescher, und sie erzählt, was den Meister des Grauens antrieb, seiner Fantasie schriftlich Ausdruck zu verleihen – nämlich die nackte Angst um sein Leben. Sören Prescher erzählt intensiv von der Angst und dem Terror, die Poe erlebt, in moderner Sprache, aber stets durchdringend.

Auf Messers Schneide von Dave T. Morgan schildert die Qualen des Genies, dessen Arbeit wichtiger ist als alles andere, seine Lieben miteingeschlossen. Der Getriebenheit, die man mit Poe verbindet, seinem Wahnsinn und dem unbezwingbaren Bedürfnis nach Alkohol gibt Morgan beängstigende Gestalt. Eine drängende und vorwärtsrasende Geschichte, die einen rücksichtslosen Poe zur Hauptfigur hat.

Die Titelgeschichte Odem des Todes von Eric Hauser zeigt uns Poe, den Bruder des todkranken Henry. Die Armut, in der die beiden leben, wird ebenso eindringlich geschildert wie Henrys langsames Sterben und sein irres Seemannsgarn. Geld muss her, egal wie, um Medizin für Henry und Nahrung für den gesamten Haushalt zu beschaffen. Poes reale Nöte sind der Gegenstand der Erzählung, die den Leser ohne phantastische Elemente in das Elend Poes katapultiert. Hauser schafft es, über die gesamte Länge der Erzählung zu fesseln, indem er die Ausweglosigkeit immer wieder mit allerwinzigsten Hoffnungsschimmern durchsetzt. Odem des Todes ist eine wunderbare, lesenswerte Geschichte!

Adisons Pforte von Felix Woitkowski wirft einen Blick auf den Kadetten von West Point. Aus dem Blickwinkel eines Kameraden wird uns Poe, der Besessene und Getriebene vor Augen geführt, dessen Obsessionen bereits verborgene Räume, Alkohol und Tod sind. Am Ende der Geschichte ist es „Ein Fass Amontillado“, das gespenstisch durch die Zeilen schimmert.

Eine Kriminalgeschichte reinsten Wassers mit einem überbordenden und beängstigenden Ende ist Die fehlenden Köpfe von Andreas Flögel. Poe hatte die Methoden seines Detektivs Dupin verteidigen wollen und dabei vielleicht ein wenig großmäulig reagiert: Nun muss er unter Beweis stellen, dass methodisches Denken hilft, einen Serienkiller zu fassen. Die Polizei ist wenig begeistert, auf Geheiß des Stadtrats einen Schriftsteller mitschleppen zu müssen, doch Poes schnelles Denken weist letztendlich den Weg zum Mörder. Die fehlenden Köpfe hat mir besonders gut gefallen, weil es sich am wichtigsten Element seiner Detektivgeschichten orientiert, dem logischen Denken. Zwar gibt es sonst kaum Verbindungsglieder zum Schriftsteller Poe und der Aura seiner Geschichten, aber der eigene Ton, den Andreas Flögel findet, beweist Selbstbewusstsein und einen Erfindungsreichtum, der beinahe ohne Übersinnliches auskommt. Das Grauen des wilden Finales, im Gewitter und mit einer herabsausenden Axt, steht ganz in der Tradition der Schwarzen Romantik.

Dieter Winkler widmet sich in Familienbande der Kindheit und Jugend des großen Schriftstellers. Poe erweist sich als findiger Außenseiter, der den Tyranneien seiner wohlhabenden Kameraden ausgesetzt ist und einen Weg findet, es ihnen mit gleicher Münze heimzuzahlen.

Damian Wolfe schreibt eine mitreißende Gruselgeschichte, die bezeichnendes Licht auf die Quelle der Inspiration Poes wirft. Wie in der Geschichte von Dave T. Morgan ist Poe ein Getriebener, der nicht vom Schreiben lassen kann, hier aber auf Grund eines verhängnisvollen Handels. Alles im Leben, die Kreativität eines Genies in besonderem Maße, fordert eben Opfer von seiner Umgebung.

In Dunkel sind die Kammern deiner Träume trifft Lovecraft im Traum auf den Vater des Fantastischen. Desirée Hoese schildert den Einbruch des jungen Howard in die von Poe dominierte, erschaffene Welt als beängstigendes, aber letztendlich auch befreiendes Erlebnis. Lovecraft wird nicht immer im Schatten seines Vorbilds bleiben.

Edgar und sein Bruder Henry stehen auch in Schwarz wie Blut im Mittelpunkt des Geschehens. Auf Geheiß seines Bruders kommt Henry nach Baltimore, ein Neubeginn sollte es sein. Michael Schmidt lässt die Brüder einen Pakt um Unsterblichkeit eingehen, der mit Alkohol, Hurerei und anderen Todsünden einhergeht. Doch es gibt viele Formen der Unsterblichkeit, nicht nur eine!

Wen nun, am Ende der vielfältigen und überraschungsreichen Geschichten, neugierig auf Poe geworden ist, kann sich im anschließenden Essay von Florian Hilleberg einen Eindruck von Leben und Werk Poes verschaffen.  Empfehlenswert ist Odem des Todes sowohl für Poe-Kenner, die die literarischen Variationen mit dem Original vergleichen können, als auch für diejenigen, die Poe noch nicht gelesen haben. Die Lust, noch einmal Geschichten wie „Berenice“ oder der Untergang des Hauses Usher“ zu lesen, ist kaum zu bezwingen, ist man auf der letzten Seite des Buches angekommen – und mehr kann man von einer Anthologie, die Poe huldigt, kaum verlangen. Gunda Plewe

Alisha Bionda (Hrsg.): Odem des Todes

2011, Voodoo Press

ISBN 978-3-902802-06-4

13,95 €